Netzeitung: Zu viele Popsongs sind einfach nur da

Netzeitung.de
Zu viele Popsongs sind einfach nur da
18. Okt 2004
Mit Alison Wheeler sprach Sophie Albers
Courtesy of Arne Fleissner

Die Band The Beautiful South hat ihr neues Album «Golddiggas» veröffentlicht. Die Netzeitung sprach mit Sängerin Alison Wheeler über Coverversionen, den schnellen Weg zum Ruhm und große Stimmen.

Seit zwei Jahren singt Alison Wheeler bereits mit The Beautiful South. Das neue Album «Golddiggas, Headnodders & Pholk Songs» ist ihr zweites mit der Band und besteht erstmals nur aus Cover-Versionen – vom Lushs «Ciao» bis John Travoltas und Olivia Newton-Johns Duett «You’re the one that I want» aus dem Film «Grease». Nach dem Weggang von Sängerin Jacqueline Abbott hatte Ex-Housemartin Dave Hemingway Wheeler entdeckt, als er für ein Solo-Projekt Gospelsänger suchte. «Ich habe nicht eine Sekunde gezögert», sagt Wheeler. Dann habe es allerdings eineinhalb Jahre gedauert, bis der Anruf kam.

Netzeitung: Wie fühlt es sich an, Olivia Newton-John zu singen?

Alison Wheeler: Großartig. Als ich klein war und den Film gesehen habe, fand ich den Song unglaublich toll. Heute ist es lustig, die Reaktionen auf den Song zu sehen. Die Leute erkennen ihn in unserer Version nicht gleich. Vielen gefällt sie dann aber sogar besser als das Original.

Netzeitung: Haben Sie das Original oft gehört?

Wheeler: Nein, gar nicht. Wir haben versucht, uns so weit wie möglich vom originalen Sound zu entfernen, sonst wäre es ja nur nachgeäfft.

Netzeitung: Was bedeuten Ihnen Cover-Versionen?

Wheeler: Zuerst war ich skeptisch, ein ganzes Album nur mit Cover-Versionen aufzunehmen. Aber dann haben die sechs Monate im Studio großen Spaß gemacht. Außerdem ist es die Möglichkeit, mit Songs zu arbeiten, die einen stark beeinflusst haben.

Netzeitung: Gibt es den perfekten Popsong?

Wheeler: Das ist sehr individuell. Ich denke, in der Musik geht es um Eskapimus. Ein guter Popsong muss Emotionen transportieren: Liebe, Hass, Wut, Glück – was auch immer. Es gibt leider viele Songs, die einfach nur da sind, die einen nicht berühren.

Netzeitung: Ist die elaborierte Popmusik, für die auch Beautiful South steht, am Aussterben?

Wheeler: Es gibt nicht mehr viele Bands, in denen eine weibliche und eine männliche Stimme zusammen singen… aber ich hoffe, es gibt noch einen Markt dafür [lacht]. Ich glaube fest an das Klischee, dass sich gute Musik durchsetzt.

Netzeitung: Also ist Musik, die Institutionen wie «Pop Idol» entspringt, keine Konkurrenz?

Wheeler: Hm, ich denke im Musikgeschäft gibt es genug Platz für beide…

Netzeitung: Viele hoffen auf ein baldiges Ende der Casting-Shows…

Wheeler: Wenn es doch hilft, dass ein großes Talent Gehör findet… Natürlich wird die Sache zur Zeit übertrieben. Mit der Zeit wird aber einfach das Interesse daran abnehmen. Wenn man es genau nimmt, ist dieser Wettkampf doch nicht neu, früher waren nur eben keine Kameras dabei.

Netzeitung: Würden Sie, wenn Sie heute 15 wären, daran teilnehmen?

Wheeler: Ich war immer sehr scharf darauf, aufzutreten… Aber ich weiß nicht. Man sollte es nur tun, wenn man sehr genau weiß, was man da tut. Man wird ja ziemlich herumgestoßen. Jemand mit Talent sollte auch andere Dinge versuchen. Viele denken, die Castingshows seien der schnelle Weg zum Ruhm, das sind sie aber nicht.

Netzeitung: Was sieht Ihre musikalische Agenda aus?

Wheeler: Da ich selbst Sängerin bin, habe ich immer gerne anderen Sängerinnen zu gehört. Viele Leute mögen Celine Dion oder Whitney Huston nicht, aber dann hört man ihnen doch zu, weil sie eben so großartige Stimmen haben. Ich habe viel R’n’B gehört, aber eigentlich bin ein typischer Pop-Fan. Lange Zeit war Madonna mein großes Idol, ich höre aber genauso gerne Jewel oder Barbra Streisand. Ich habe keinen festen Stil.

Netzeitung: Sie haben Jura und Japanisch studiert. War das aus heutiger Sicht umsonst?

Wheeler: Ganz am Anfang habe ich als Sängerin mal einen Vertrag vorgelegt bekommen, da habe ich meinen Rotstift rausgeholt und das Ding bearbeitet. Ich sollte denen mein Leben verkaufen! Da hat es was gebracht, Jura studiert zu haben. [lacht] Nein, aber im Ernst. Vor meinem Studium war mein Plan, eine mächtige fiese Frau zu werden, wie Alexis im «Denver Clan». Ich wollte einen einflussreichen Job. In den ersten Semestern habe ich aber Musik gemacht und plötzlich gemerkt, dass ich das wirklich machen will. Ohne das Studium hätte ich es vielleicht gar nicht gemerkt.

Netzeitung: «Golddiggas» ist das elfte Album von Beautiful South. Glauben Sie, das geht einfach immer so weiter? Die Band gibt es schon 15 Jahre.

Wheeler: Ich hoffe doch! Paul [Heaton] sagt immer, dass er aufhören wird, wenn es keinen Spaß mehr macht. Ich hoffe, das passiert nicht so bald, und was danach kommt, weiß ich nicht. Andererseits: Ich bin eine 32 Jahre junge Frau.

Netzeitung: Ich dachte, das wäre für den Musikmarkt schon alt.

Wheeler: Auf dem allgemeinen Musikmarkt ist das sicher so, aber Sheryl Crow hatte in dem Alter glaube ich überhaupt erst ihren ersten Hit. Ich denke, man muss sich einen Namen gemacht haben, bevor man nicht mehr wegen seiner Stimme, sondern wegen seines Alters beurteilt wird.

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